Wenn Kunst und Kirche das Menschsein verhandeln
Im KA-Salon „Brot, Wein und Kunst“ sprach KAÖ-Präsident Ferdinand Kaineder mit der Schauspielerin Selina Ströbele und Bischof Hermann Glettler über Spannungsfelder und Gemeinsamkeiten von Kunst und Religion und die Transformation sakraler Räume.

Kunst und Religion haben nicht nur Funktionen füreinander, sie haben auch eine tiefe Parallele, sind sich Bischof Hermann Glettler und Selina Ströbele im KA-Salon einig: Beide fungieren in einer zunehmend lauten und gereizten Welt als kraftvolle Instrumente des Unterbrechens, des Innehaltens und der Reflexion über das Menschsein. Sie überschneiden sich dort, wo die großen Themen des Lebens verhandelt werden. „Kunst kann beruhigen und stören“, weiß Bischof Glettler, selbst spiritueller Kunstvermittler. „Stille zu bringen ist in unserer Zeit sehr wichtig. Kunst hat, genau wie die Religion, die Funktion des Unterbrechens, des Hörens und des Raummachens“, betonte Bischof Hermann Glettler. KAÖ-Präsident Ferdinand Kaineder ergänzte mit Blick auf die digitale Transformation: „Algorithmen können nicht innehalten und schweigen. Das können nur Menschen – und die Kunst hilft uns dabei.“ Kunst kann auch inspirieren, den eigenen Blick auf gesellschaftliche Realitäten zu prüfen und sich daraufhin zu engagieren. Als Künstlerin und mit ihrer praktischen Erfahrung im Kulturbetrieb setzt Selina Ströbele hinzu: „Kunst behandelt das Menschsein. Ich kann in meinem Beruf Dinge sichtbar machen, durch die sich Menschen verstanden fühlen. Das kann auch provozieren, im Einzelnen Gedanken und in der Gesellschaft Debatten anstoßen, wie etwa die vieldiskutierte Skulptur der gebärenden Maria im Linzer Dom. Aber Kunst ist auch einfach tägliche Arbeit, um die Miete zu zahlen.“
Transformation des Kirchenraums: Die Gleichzeitigkeit von Liturgie und Boulderwand
Kirchen sind Räume, in denen sich Kunst entfalten kann, denn sie sind Orte, an denen sich Menschen berühren lassen. Doch was, wenn diese Räume zunehmend unbesucht bleiben? Bischof Glettler plädierte für behutsame Neunutzung und Transformation sakraler Räume und erzählte von der Umgestaltung der Innsbrucker Pfarrkirche Petrus Canisius. Dort entsteht eine Boulderhalle, der Altar bleibt aber im Zentrum. Die Pfarre behält ihre Räume und jeden Sonntagabend wird zwischen den Kletterwänden Messe gefeiert. „So eine Transformation birgt natürlich logistische und emotionale Herausforderungen“, führte Glettler aus. „Wir müssen im Dialog die Gläubigen auf diesem Weg mitnehmen, da solche Veränderungen oft irritieren. „Auch in dieser Transformation bleibt Kirche der Raum, wo man nichts liefern muss, wo der Mensch zur Ruhe kommt und Gott begegnet.“
Abschließend wurde festgehalten, dass auch die kirchliche Liturgie selbst mit ihren Ritualen, Musik und Gewändern eine Form der Inszenierung und Kunst darstellt. Um zukunftsfähig zu bleiben, brauche es jedoch vermehrt den offenen Dialog und neue Formate wie Theatergottesdienste oder kulturelle Interventionen, die Brücken zwischen Tradition und Gegenwart schlagen.
(ps/11.6.2026)

