Kirche muss Armut konkret und strukturell bekämpfen
Armut ist in Österreich kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem: Darin waren sich der Gurker Bischof Josef Marketz und Sozialexpertin Judith Ranftler von der Volkshilfe am Dienstagabend (3.3.2026) beim KA-Salon "Brot, Wein und Armut" in Wien einig. Gemeinsam mit unserer Vizepräsidentin Katharina Renner diskutierten sie über Ursachen, Folgen und notwendige Antworten auf Armut in einem der reichsten Länder der Welt.

Am Bild (v.l.n.r.): Sozialexpertin Judith Ranftler, KAÖ-Vizepräsidentin Katharina Renner, Bischof Josef Marketz © KAÖ / Petrik
Das Dasein der Kirche für arme Menschen liege "in der DNA der Kirche", betonte Marketz. Armut zu bekämpfen und in Not präsent zu sein, gehöre zum Kern christlicher Existenz. Zugleich müsse sich die Kirche auch für strukturelle Armutsbekämpfung einsetzen. In Anlehnung an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gehe es darum, nicht nur konkret zu helfen, sondern auch zu fragen, warum jemand "am Straßenrand" liege, so der Kärntner Diözesanbischof.
Kirchliche Organisationen wie auch Sozialverbände müssten ihre Stimme im öffentlichen Diskurs gegen Armut und strukturelle Ungerechtigkeiten erheben, so Marketz, der von 2014 bis 2019 als Direktor des Kärntner Caritasverbands tätig war. Laut Marketz gibt es hierbei Aufholbedarf vonseiten der Bischöfe selbst, die das Thema häufig an Caritas und Katholische Aktion delegieren würden. "Zu viel machen wir nicht", sagte er selbstkritisch. Sparpakete dürften jedenfalls nicht die Ärmsten treffen. Ziel müsse eine Gesellschaft sein, in der Solidarität, Chancengerechtigkeit und ein gutes Leben für alle möglich sind.
"Armut bedeutet mehr als Geldmangel", weiß Katharina Renner auch als Leiterin der Pfarrcaritas der Erzdiözese Wien. "Sie verschließt Zugänge zu Bildung, Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe." Eine Benachteiligung ziehe oft die nächste nach sich - etwa wenn chronische Krankheit Erwerbsarbeit und soziale Teilhabe einschränke. Statistisch erhobene Zahlen belegen das Ausmaß der Armutsgefährdung in Österreich: Rund 1,28 Millionen Menschen gelten als armutsgefährdet; 336.000 Personen können wichtige Grundbedürfnisse nicht befriedigen und gelten somit von manifester Armut betroffen. Besonders hoch ist das Risiko bei Langzeitarbeitslosen, Kindern sowie älteren Frauen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien. "Armutsgefährdet ist, wer nur mehr eine kaputte Waschmaschine von der Armujt entfernt ist", bringt sie die lauernde Gefahr, der viele Menschen ausgesetzt sind, auf den Punkt.
"Armut in einem der reichsten Länder der Welt ist ein Armutszeugnis", sagte Ranftler. Die Armutsgefährdungsquote verharre seit Jahren auf hohem Niveau. Sozialleistungen wie Familienbeihilfe oder Kinderabsetzbeträge wirkten zwar armutsdämpfend; gleichzeitig liege die Sozialhilfe mit rund 1.200 Euro unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1.661 Euro monatlich für einen Einpersonen-Haushalt (zwölfmal jährlich). Ein Drittel der Sozialhilfebeziehenden seien Kinder, ältere oder chronisch kranke Menschen, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stünden. Verschärfungen träfen daher besonders Vulnerable, lösten aber kein Budgetproblem, so die Volkshilfe-Expertin.
Notwendig seien strukturelle Maßnahmen wie vermögensbezogene Steuern sowie eine eigenständige Absicherung von Kindern, so die Volkshilfe-Expertin. Sie warnte zudem vor einer zunehmenden Individualisierung des Armutsdiskurses. Die Erzählung, Armut sei selbst verschuldet, halte einer Faktenprüfung nicht stand.
In die sehr angeregte Diskussion mit den Gästen in diesem Salon brachte Katharina Renner noch eine Beobachtung ein, die einen Hinweis darauf gab, warum "Stammtischgespräche" zu dem Thema oft so schwierig sind: "Viele Menschen lehnen eine Steuer auf Reichtum ab, weil sie hoffen, selbst einmal mehr zu haben. Der Gedanke daran, von diesem wieder etwas hergeben zu müssen, ist dann abschreckend. Auch, wenn etwa eine Erbschaftssteuer die meisten von ihnen gar nicht nicht betreffen würde." Interessanterweise haben weniger Menschen Angst, selbst in Armut zu rutschen und dann auf genau diese Hilfe angewiesen zu sein. Dabei wäre das wahrscheinlicher, als reich zu erben.
Entsolidarisierung - auch unter Betroffenen - gefährdet jedenfalls den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Solidarität, Gleichberechtigung und ein gutes Leben für alle müssten daher Leitlinien von Politik, Zivilgesellschaft und Kirche sein, lautete der Tenor des Abends, den Marketz nochmal aus dem christlichen Glauben heraus bekräftigt: "Wir sind es den Menschen mit ihrer Menschenwürde schuldig, dass wir nicht die Probleme suchen, sondern Lösungen."
Vorschau weitere KA-Salons:
"Brot, Wein und Arbeitswelt". 19. Mai 2026 in Linz mit Bundesministerin Korinna Schumann u.a.
"Brot, Wein und Kunst". 10. Juni 2026 in Wien mit Bischof Hermann Glettler u.a.
Quelle: kathpress/red.
(ps, rp/4.3.2026)
