Gemeinsam gegen Gewalt gegen Frauen
Genf / St. Gallen, im Juni 1999
Gewalt gegen Frauen
Liebe Freundinnen und Freunde in Christus,
im Namen des Gemeinsamen Ausschusses von CCEE und KEK grüssen wir Sie. Mit Unterstützung aller Mitglieder des Gemeinsamen Ausschusses wenden wir uns an Sie, um das grosse Problem der Gewalt gegen Frauen in Europa anzusprechen. Dieses Thema wurde bereits in einer Reihe von wichtigen Erklärungen kirchenleitender Persönlichkeiten und christlicher Gremien in Europa, einschliesslich des Briefes Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. an die Frauen vor der Beijing-Konferenz 1995 und seiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages am 1. Januar 1998 hervorgehoben. Die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung im Juni 1997 in Graz verpflichtete sich "zur Zusammenarbeit beim Versuch, alle Formen von Gewalt, insbesondere gegen Frauen und Kinder, zu ächten", während die 11. KEK-Vollversammlung erklärte, dass "Gewalt gegen Frauen als ein besonders wichtiges Thema wahrgenommen werden sollte".
Beim Schreiben dieses Briefes denken wir an die Worte des heiligen Paulus, als er an die Korinther schrieb:
"... damit im Leib keine Spaltung ist, sondern die Glieder einträchtig füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit." (1. Kor 12, 25-26)
Indem er das Bild vom Leib gebraucht, fordert Paulus auf, die Leiden einiger als Verletzung aller zu verstehen. Er eröffnet uns eine spirituelle Dimension in bezug auf den Auftrag, Sorge zu tragen für diejenigen, die unter Gewalt leiden, vor allem für die besonders Verwundbaren. Darin liegt für uns die tiefere Begründung, uns mit der Thematik der Gewalt auseinanderzusetzen und Möglichkeiten des Heilens und der Versöhnung zu eröffnen.
Gewalt gegen Frauen ist eine bittere Tatsache in unserer heutigen Welt und hat eine lange Geschichte. Sie äussert sich in einer Vielfalt von Formen und stellt uns in Europa gegenwärtig vor eine besondere Herausforderung.
Vergewaltigung als ein Mittel der Kriegführung erschütterte zum Beispiel in den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien die Welt.
Aber Gewalt gegen Frauen ist keineswegs auf Kriegssituationen beschränkt. Sexuelle und andere Formen körperlicher Gewalt bedrohen Frauen überall, und die meisten Gewalthandlungen kommen innerhalb von Familien vor. Eine beträchtliche Menge an Dokumentationen bestätigt, dass es sich tatsächlich um ein in ganz Europa verbreitetes Phänomen handelt. Auch die Kirchen sind zutiefst besorgt darüber, dass Gewalt gegen Frauen sogar in ihren eigenen Gemeinschaften, kirchlichen Institutionen und christlichen Familien vorkommt. Dies haben wir selbst viel zu lange verschwiegen.
Eine andere, besonders beschämende Ausdrucksform von Gewalt im heutigen Europa ist darüber hinaus der zunehmende Handel mit Frauen und sogar mit jungen Mädchen zum Zwecke der erzwungenen Prostitution. Ein Grossteil dieses Handels besteht darin, dass Frauen aus den östlichen Teilen Europas oder aus anderen Kontinenten in den Westen gebracht werden. Es gibt Menschen, die die wirtschaftliche Not dieser Frauen ausnutzen und sie zur Prostitution zwingen, und andere, die sie als Kunden benutzen.
Auch in den europäischen Medien werden Frauen häufig abwertend und im Zusammenhang mit Gewalt dargestellt, wobei vor allem die sexuelle Gewalt zur Unterhaltung dient.
Im Rahmen dieser Überlegungen laden wir erstens alle Kirchen ein, sich so intensiv wie möglich in diesen Fragen zu engagieren, da sie die Gesellschaft als ganze betreffen. Für Christen wurzelt das Eintreten für Gerechtigkeit und Menschenrechte sowohl für Frauen als auch für Männer in dem Glauben, dass beide, Frauen und Männer, nach dem Ebenbild Gottes erschaffen wurden. Beide, Frauen und Männer, sollen deshalb mit der Würde behandelt werden, die dem Willen Gottes entspricht und auf neue Weise bekräftigt wurde im Leben, in der Lehre, im Tod und in der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Diese Überzeugung sollte uns ermutigen, mit Gruppen zusammenzuarbeiten, die bereits in Solidarität mit den Opfern von Misshandlung und Ausbeutung handeln und für eine gerechte und gewaltfreie Gesellschaft kämpfen.
Zweitens begrüsst der Gemeinsame Ausschuss die Tatsache, dass der Europarat für 1999 zu besonderer Aufmerksamkeit in bezug auf die Frage der Gewalt gegen Frauen aufgerufen hat. Wir sind überzeugt, dass jede einzelne Kirche in Europa sich dieser Thematik ebenfalls in besonderer Weise annehmen sollte, und zwar so, wie es ihrem jeweiligen Kontext entspricht. Deshalb laden wir die Verantwortlichen aller Kirchen dazu ein, öffentlich zu erklären, dass jede Form von Gewalt gegen Frauen eine Sünde ist. Sie ist eine Beleidigung ihrer menschlichen Würde. Körperliche wie seelische Gewalt gegen Frauen muss deutlich verurteilt werden. Dies ist wichtig, denn viele Frauen, die Gewalt erfahren haben oder sich durch sie bedroht fühlen, spüren, dass es eine weit verbreitete öffentliche Zurückhaltung gibt, Gewalt beim Namen zu nennen als Tatsache und als schweres Vergehen.
Drittens fordern wir alle Kirchen mit Nachdruck auf, zu offenen Gesprächen über diese Probleme in ihren Gemeinschaften zu ermutigen und Haltungen und Strukturen anzuprangern, die dieser Gewalt zugrundeliegen. Die Kirchen sollten sich auch ihre seelsorgerliche Verantwortung gegenüber denen bewusst machen, die unter Gewalt, Missbrauch oder Ausbeutung irgendeiner Art leiden. Sie tragen eine besondere Verantwortung in der Auseinandersetzung mit einer Kultur, die häufig voraussetzt, dass Gewalt gegen Frauen eine unvermeidliche Tatsache des Lebens ist. Es besteht ausserdem die Notwendigkeit, auf jene zuzugehen, die diese Gewalt verüben, und ihnen klar zu machen, dass es sich um ein völlig inakzeptables Verhalten handelt. Diese Themen sollten in allen Bereichen des kirchlichen Lebens angesprochen werden, einschliesslich in Predigten, in der Lehre und in der Seelsorge.
Wir sind uns mit Dankbarkeit dessen bewusst, dass eine ganze Reihe von Kirchen, Bischofskonferenzen und ökumenischen Gremien in Europa zu dieser Problematik bereits Stellung nehmen. Der Gemeinsame Ausschuss würde es sehr begrüssen, wenn Sie die Sekretariate von KEK und CCEE darüber informierten, welche Massnahmen Sie ergreifen - sei es aufgrund eigener Initiative oder als Reaktion auf diesen Brief. Wir wären Ihnen dankbar, wenn dies bis Ende 1999 geschehen könnte. Danach werden wir uns bemühen, einen Gesamtbericht über die Aktivität der europäischen Kirchen auf diesem Gebiet vorzulegen.
In Christus Ihr
Metropolit Jérémie
Präsident
Konferenz Europäischer Kirchen
Miloslav Kardinal Vlk
Präsident
Rat der Europäischen Bischofskonferenzen










