Freitag 15. Februar 2019
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KAÖ

 

Die Katholische Aktion (KA) ist die offizielle Laienorganisation der katholischen Kirche in Österreich.

 

In Verbundenheit mit den Bischöfen verwirklicht sie den Sendungsauftrag der Kirche.

 

In der KA engagieren sich Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer gemäß ihrer Berufung als Christinnen und Christen.


Katholische Aktion - die Radikalität des Evangeliums in der Normalität des Alltags leben!

 

"An Lampedusa entscheidet sich unser Christsein und Menschsein"

Gerda Schaffelhofer, Präsidentin der Katholischen Aktion, beim Lichtermeer am 18. September in Wiener Neustadt

 

Frauen weinten, Kinder schrien, ich verlor das Bewusstsein vor lauter Erschöpfung und weil ich seekrank wurde.


Ich hatte Angst gefangen genommen und vergewaltigt zu werden. Wir gingen sechs Stunden bei starkem Regen und warteten weitere sechs Stunden im Wald ohne Wasser, ohne Essen.


In den frühen Morgenstunden flüchtete der Schlepper und ließ uns allein. Die ungarische Polizei nahm uns gefangen und behandelte uns wie Kriminelle. Sechs Tage verbrachte ich im Gefängnis, sie gaben uns nicht einmal sauberes Wasser zu trinken. Sogar der Übersetzer belog uns.

 

Das alles – und noch viel mehr, ich kann Ihnen den ganzen Bericht nicht vorlesen – hat eine junge Frau durchgemacht, die es inzwischen bis Kärnten geschafft hat. Und sie ist kein Einzelfall, zigtausende Menschen haben in den letzten Wochen ähnliche Erfahrungen gemacht.
Für uns stellt sich die Frage: Was tun?


Wir müssen uns entscheiden, es liegt an uns: Wir können ausgrenzen oder uns solidarisch erklären. Wir können unsere Mauern hochziehen, Stacheldrahtzäune errichten, uns abschotten oder Brücken bauen, Grenzen überwinden und Menschen als Schwestern und Brüder willkommen heißen.


Wir können das Ersticken in Lastwägen, das Ertrinken von Kindern, Lagerbedingungen, die selbst Tierschützer auf die Barrikaden treiben würden, wenn sie auf vierbeinige Lebewesen angewandt würden, zur Kenntnis nehmen oder unsere menschliche und christliche Verantwortung, die jeden Menschen! und nicht nur Christen einschließt, ernstnehmen.

 

Wir können uns von zweifelhaften "Zuerst wir Österreicher"-Parolen und von einem menschenverachtenden Egoismus beeindrucken lassen oder jene politischen Kräfte im Land unterstützen, die zwar zunächst nur zaghaft  – und ich muss zugeben für meinen Geschmack, viel zu zaghaft und viel zu langsam – dann aber doch endlich aus der Starre erwacht sind und Menschlichkeit über politische Taktik gestellt haben.

 

Wir müssen uns entscheiden! Politiker, Gewerkschafter, Vertreter der Kirche, sie alle sind gefragt. Nur sie können Grenzen öffnen, Geldmittel freigeben, Appelle erlassen. Aber diese Politiker, diese Verantwortlichen, sie brauchen uns! Denn wir müssen diese Gesetze umsetzen, die Appelle wirksam werden lassen, wir müssen Solidarität über Grenzen hinweg neu leben. Wir, das sind die Christen, die Muslime, die Hindus, die Buddhisten, die Agnostiker, einfach alle, die in diesem Land leben.

 

Erlauben Sie mir bitte ein Wort an die Christen: Als Papst Franziskus seine erste Reise just nach Lampedusa führte, dachte ich zunächst nur – wie vermutlich viele andere auch – das ist taktisch klug. Heute weiß ich, dass das mehr als nur kluge Taktik gewesen ist, dass der Papst uns damit gleichsam das christliche Programm fürs dritte Jahrtausend vorgelegt hat. Denn für unser heutiges und künftiges Christsein wird nicht mehr das all Entscheidende sein, was sich in unseren Schlafzimmern abspielt und ob wir uns im Kadavergehorsam gegenüber kirchlichen Obrigkeiten üben, sondern wie wir mit Menschen umgehen, die an unsere Tür klopfen.

Was wir in diesem angeblich so christlichen Europa dringend brauchen ist eine neue Manifestation des Christlichen. Wir müssen uns – gerade auch in der Auseinandersetzung mit dem Islam – die alles entscheidende Frage stellen: Was ist das spezifisch Christliche? Was macht uns zu Christen?

 

Lampedusa, Kos, Budapest, Nickelsdorf rufen uns dramatisch in Erinnerung, dass die uralte biblische Frage "Wer ist mein Nächster?" und die gelebte! Antwort darauf von alles entscheidender Bedeutung ist. Und diese Frage wird in allen Religionen gestellt. Und wer glaubt diese Frage regional mit Hilfe der Landkarte beantworten zu können, hat nichts von der Globalisierung und schon gar nichts vom Christentum begriffen.

 

Lassen Sie es mich nochmals ganz pointiert sagen: An Lampedusa entscheidet sich unser Christsein, unser Menschsein. Und was heißt das konkret? Nicht jeder von uns kann und muss dasselbe tun. Nicht jeder von uns kann Menschen beherbergen, unterrichten, bekochen und betreuen. Aber lassen Sie uns unsere Begabungen und Charismen zusammenlegen. Jede und jeder von uns soll ihren/seinen Mosaikstein einbringen. Und am Schluss wird ein Gesamtbild von einem offenen, christlichen, gastfreundlichen menschliches Europa entstehen, in dem Flüchtlinge das finden, was sie brauchen: Schutz und die Chance auf ein Leben in Würde.

Und damit – und nur damit –  wird Europa auch christlich bleiben! Dies sei an die Adresse derer gesagt, die vor Überfremdung warnen und sich angeblich so sehr um unser christliches Erbe und dessen Fortbestand sorgen. Für mich ist das Scheinreligiösität! Nicht Angst vor dem Islam, sondern Mut zum christlichen Bekenntnis ist das Gebot der Stunde, und dieses Bekenntnis muss münden in einen Dialog mit dem Islam und in konkrete Hilfsbereitschaft.  Denn nicht durch Aussperrung und Abschottung wird Europa christlich bleiben, sondern durch Aufnahme und Geschwisterlichkeit!


„Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und  Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, steht in der heute immer noch gültigen Bibel. Im Klartext heißt das: Wer einen Flüchtling aufnimmt, nimmt Christus auf.


Ich weiß es nicht, ich bin nicht so klug, aber vielleicht ist diese Krise für Europa auch eine Chance aufzuwachen und sich neu – und damit meine ich nicht einfach "wieder", sondern auf neue Weise! – auf seine christlichen Wurzeln zu besinnen und sich neu zu finden. Nur ein Europa der offenen Arme wird auch ein christliches Europa sein können. Lassen Sie uns gemeinsam an diesem Europa der offenen Arme bauen.

 

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