Die KAÖ begrüßt den Schulversuch "Neue Mittelschule", da es wichtig ist, im Bereich der gemeinsamen Schule konkrete Erfahrungen zu machen. Der Schulversuch ist ein Schritt in die richtige Richtung und eine inklusive Schule ist notwendig, wenn Österreich ein gerechteres Schulsystem erreichen möchte. Die KAÖ kritisiert allerdings einige grobe Schwächen des Schulversuches.
Allerdings zeigt sich bereits jetzt, dass der Schulversuch einige wesentliche Schwächen besitzt, denen entgegen gearbeitet werden muss:
1. Die Neue Mittelschule darf nicht zu einer dritten Schulform im Bereich der Mittelschule werden. Sie soll Experimentierraum sein, darf aber nicht die schulische Segregation verstärken und subtiler machen. Gegenwärtig stellt sie noch keine Maßnahme zur Entschärfung der Problematik auf der Sekundarstufe I dar, sondern eine begrüßenswerte Aufwertung der Hauptschule.
2. Es zeigt sich eine gewissen Willkür und Orientierungslosigkeit in der konkreten Ausgestaltung des Schulversuchs (siehe Beispiel Vorarlberg). Hier wäre mehr auf sinnvolle inhaltliche Richtlinien zu achten, damit der evaluierende Vergleich der Ergebnisse zu validen Aussagen gelangt.
3. Immer noch, auch im 2. Jahrgang, sind viel zu wenige AHS dabei. So reduziert sich der Schulversuch Neue Mittelschule auf einer Verbesserung der HS, ist dann aber kein Schritt mehr in Richtung Zusammenarbeit der beiden Schultypen HS und AHS.
4. Es geht nicht an, dass eine Mehrheit von zwei Drittel der Eltern (deren Kinder zum guten Teil ja gar nicht betroffen sein werden) sowie der Lehrkräfte dem Schulversuch am Schulstandort zustimmen müssen, damit er umgesetzt wird. Es sollte umgekehrt sein: Nur wenn zwei Drittel dagegen sind, wird er nicht realisiert. Andernfalls verhindert diese Regelung die Weiterentwicklung des Schulsystems; die Ablehnung erfolgt ja oft aus fragwürdigen Gründen, wie z. B. sonderbare Ideologisierungen, zu wenig Informationen usf.
5. Wenn ein gewisser Anteil an Hauptschulen bzw. KMS in einem Bundesland am Schulversuch Neue Mittelschule mitmacht (10%), muss auch eine gewisse Anzahl an AHS nachziehen (5%). Andernfalls verkommt der Schulversuch zum HS-Aufputz.
6. Die langfristige Finanzierung des Schulversuchs Neue Mittelschule ist nicht gesichert. Zur Zeit ist nicht erkennbar, was mit dem Schulversuch nach den ersten fünf oder sechs Jahren passieren wird.
7. Es braucht unbedingt parallele Diskussionen zur Einführung einer neuen, fairen LehrerInnenbesoldung. Es kann nicht sein, dass PlichtschullehrerInnen für die gleiche Arbeit weniger bezahlt bekommen als AHS-Lehrkräfte, die dieselben Jahrgänge unterrichten.
8. Ebenso gibt es dringenden Diskussionsbedarf zur Frage der gemeinsamen LehrerInnenbildung. Eine nur dreijährige Ausbildung für einen Teil der LehrerInnen in der Sekundarstufe 1 ist viel zu kurz. Wie in den meisten anderen europäischen Ländern sollten alle SekundarstufenlehrerInnen ein 5-jähriges Studium absolvieren. Die fachliche und fachdidaktische Ausbildung sollte dabei auf jeden Fall an der Universität erfolgen, die pädagogische und schulpraktische Ausbildung eventuell an Pädagogischen Hochschulen.
Weitere Hintergründe zum Thema Mittelstufe und Bildungsgerechtigkeit zu dieser Positionierung können in der Broschüre „Auf dem Weg zur gerechten Schule“ nachgelesen werden.
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